Schmerz ist kein Zufall – Neurodivergenz
und die unterschätzte Körperlast

Chronische Schmerzen stehen bei neurodivergenten Menschen nicht am Rand, sondern im Zentrum des Erlebens. Daten zeigen, dass Schmerz dort entsteht, wo Reizverarbeitung, muskuläre Spannung und autonome Regulation ineinandergreifen.
Nicht als Folge schlechter Haltung oder mangelnder Bewegung, sondern als Ausdruck eines Nervensystems, das zu viel hält und zu wenig entlädt.

In einer Untersuchung von Kindern mit chronischen Schmerzen zeigten rund 26 % bisher unerkannt ausgeprägte Merkmale von Autismus oder ADHS. Parallel zeigen bevölkerungsbasierte Analysen, dass Kinder im Spektrum deutlich häufiger an chronischen Schmerzen leiden als nicht-autistische Gleichaltrige.

Bei erwachsenen Autist*innen liegt der Anteil mit klinischen Zeichen zentraler Sensitivierung bei etwa 60 %, ein Fünftel erhielt Diagnosen wie Fibromyalgie, chronisches Erschöpfungssyndrom oder Reizdarm. Die Sensorik spielt dabei eine wesentliche Rolle: Ein Nervensystem, das Reize intensiver registriert, senkt Schmerzschwellen und hält viszerale, taktile und propriozeptive Informationen länger im Körper.

Frauen mit ADHS oder Autismus berichten in Langzeitstudien in etwa 75 % der Fälle von chronischen Schmerzen; ein signifikanter Anteil erhält zusätzlich eine Fibromyalgie-Diagnose. Damit zeigt sich ein stabiler Zusammenhang zwischen neurodivergenter Entwicklung, sensorischer Offenheit und körperlicher Belastung.

Auch bei ADHS sind Schmerzsyndrome überdurchschnittlich häufig. Mehrere Studien zeigen Prävalenzen zwischen 25 % und 45 % in klinischen Stichproben. Gleichzeitig weisen viele Betroffene neuromuskuläre Auffälligkeiten auf: Der Muskeltonus bleibt erhöht, selbst ohne äußeren Reiz. Hinweise deuten auf eine Rolle der dopaminergen Regulation hin: Weniger Dopamin bedeutet weniger tonische Hemmung, mehr Grundspannung und damit mehr Schmerz.

Hinzu kommen biologische Muster, die sich wiederholen: Hypermobilität des Bindegewebes mit Mikrotraumatisierung, Dysautonomie, Mastzellaktivierung. Gemeinsam erhöhen sie die Reizweiterleitung und begünstigen Schmerz. Werden diese Faktoren mit sensorischer Überaktivität und Stress kombiniert, entsteht ein System, das kaum herunterreguliert.

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