Frauen und Schmerzen in der Neurodivergenz

Schmerz erscheint bei neurodivergenten Frauen oft nicht punktuell, sondern flächig. Er wandert, verschiebt sich, folgt keinem klaren Muster. Was zunächst wie Nackenverspannung oder dauerhafte Müdigkeit wirkt, wird später zu Fibromyalgie, chronischer Erschöpfung, muskulären Mehrfachschmerzen oder Migräne.

In einer schwedischen Langzeitstudie berichteten 76,6 % der erwachsenen Frauen mit früh diagnostiziertem Autismus und/oder ADHS von chronischen Schmerzen. Ein signifikanter Anteil erhielt zusätzlich eine Fibromyalgie-Diagnose.

Schon im Jugendalter zeigen sich erhöhte Raten: In einem 9-Jahres-Follow-up lag die Prävalenz chronischer Schmerzen bei jungen Frauen mit ADHS bei 75,9 % (Vergleichsgruppe 45,7 %).

Bei Erwachsenen mit Autismus zeigt sich ein komplexes Profil:
Etwa 21 % erhielten Diagnosen aus dem Bereich zentraler Sensitivität (z. B. Fibromyalgie, ME/CFS, Reizdarm).

Rund 60 % erreichten Werte oberhalb des klinischen Cut-offs im Central Sensitization Inventory – ein Hinweis auf anhaltende Reiz- und Schmerzverarbeitung über normale Zeitfenster hinaus.

Weitere Studien beschreiben ausgeprägte neuromuskuläre Auffälligkeiten:
In klinischen ADHS-Stichproben wurden 80 % „widespread pain“ dokumentiert; bei Adoleszentinnen mit ADHS erfüllten 65,9 % Kriterien für chronischen Schmerz, 55,1 % berichteten muskuloskelettale Beschwerden, 31,3 % multisite-Schmerz.

Häufig treten begleitende somatische Muster auf:
Generalisierte Hypermobilität ist in Autismus-Stichproben deutlich erhöht (22,3 %; klinisch erfasst ≈ 31 %). In Frauenkohorten mit Autismus wurden Hypermobilität, hormonelle Besonderheiten sowie immunologische Mitbeteiligung vermehrt beschrieben.

Auch die Überschneidung mit Fibromyalgie ist auffällig: In internationalen Kohorten liegt der Anteil Betroffener mit gegenwärtiger oder früherer ADHS-Symptomatik zwischen ≈ 25 % und 45 %.

Diese Daten zeigen kein binäres Bild („körperlich“ oder „psychisch“), sondern ein zusammengesetztes Muster: sensorische Offenheit, zentrale Sensitivierung, Bindegewebsbesonderheiten, vegetative Dysregulation und muskuläre Daueraktivität. Belastungen werden gespeichert, nicht schnell entladen.
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Quellen: Asztély 2019 (J Pain Res); Whitney 2019 (JAMA Pediatr); Grant/Kinnaird 2022 (Molecular Autism); Mundal 2023/2024 (Eur Child Adolesc Psychiatry / HUNT); Battison 2023 (PMC9857366); Stray 2013 (Behav Brain Funct); Udal 2024 (Scandinavian J Pain / De Gruyter); Pallanti 2021 (J Psychosom Res); Leaver 2024 (PMC11046556); Baeza-Velasco 2025 (Meta-Analyse); Casanova 2018 (Behav Sci).