„Das Böse ist immer die Folge von Gedankenlosigkeit.“ – Hannah Arendt
Arendt schrieb diesen Satz im Rückblick auf eine Zeit, in der das Ungeheuerliche nicht aus Hass, sondern aus Gehorsam erwuchs. Gedankenlosigkeit bedeutete für sie nicht Dummheit, sondern die Weigerung, wahrzunehmen, was ist. Wer aufhört zu denken, hört auf, Verantwortung zu empfinden.
Auch heute ist diese Warnung aktuell. Gesellschaften, die Komplexität vermeiden wollen, beginnen, Unterschiede zu bekämpfen – erst im Denken, dann im Menschen. Populismus lebt von dieser Vereinfachung. Er verwandelt Angst in Identität und Vielfalt in Bedrohung. Neurodivergente Menschen werden dabei oft zu unbeabsichtigten Spiegeln: Sie verkörpern das, was Populismus am meisten fürchtet – die Unkontrollierbarkeit von Wahrnehmung, die Unabhängigkeit des Geistes und die Erinnerung daran, dass Denken kein kollektiver Gleichschritt ist.
Der historische Kontext: 1930 – 1945
Zwischen 1939 und 1945 verübte das nationalsozialistische Deutschland einen gezielten Genozid an Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen. Das Mordprogramm, intern „Aktion T4“ genannt, diente der „Säuberung“ des Volkskörpers und wurde mit medizinischer Präzision durchgeführt. In den sechs zentralen Tötungsanstalten und unzähligen dezentralen Einrichtungen starben über 200 000 Menschen. Offiziell wurde das Programm 1941 beendet, faktisch lief es bis Kriegsende weiter.
Unter den Opfern waren auch Kinder mit neurologischen Auffälligkeiten – Menschen, die man heute als autistisch oder mit ADHS bezeichnen würde. In Wien, am sogenannten Spiegelgrund, wurden Hunderte Kinder getötet. Ihre Krankenakten tragen Begriffe wie „erziehbar“, „nicht bildungsfähig“ oder „geistig minderwertig“. Die Sprache selbst war das erste Instrument der Vernichtung.
Der schwierige Name: Hans Asperger
In dieser Zeit entstand auch der Name, der Jahrzehnte später zur populären Diagnose werden sollte: Asperger-Autismus. Hans Asperger beschrieb 1944 eine Gruppe von Kindern mit hoher Intelligenz und sozialer Eigenheit. In seinem Manuskript lobt er ihre „besondere Bedeutung für die Gemeinschaft“ – ein Satz, der in der damaligen Ideologie ein Schutzargument war: Nur wer „nützlich“ war, durfte leben.
Herwig Czech belegte 2018, dass Asperger mehrere Kinder persönlich an den Spiegelgrund überwies, wo sie ermordet wurden. Eine dieser Akten trägt den Namen Herta Schreiber, drei Jahre alt. Nach dem Krieg setzte Asperger seine Karriere fort. Erst in den 2010er-Jahren wurde die historische Verantwortung offengelegt – unter anderem durch die Arbeiten von Czech und Edith Sheffer.
2013 strich die American Psychiatric Association den Begriff Asperger-Syndrom aus dem DSM-5 und fasste alle Formen unter Autismus-Spektrum-Störung (ASD) zusammen. Die Begründung war doppelt: wissenschaftlich, weil die Abgrenzung willkürlich war, und ethisch, weil der Name an eine kompromittierte Biografie gebunden blieb. Dass der Begriff im Alltag fortlebt, spiegelt den Wunsch, Autismus in „akzeptable“ und „problematische“ Formen zu trennen – eine Hierarchie, die aus der NS-Zeit stammt.
Die Logik der Nützlichkeit
Nach 1945 endete das Töten, aber die Idee der Nützlichkeit blieb bestehen. Viele Mediziner der NS-Zeit arbeiteten weiter in Universitäten und Behörden. Die Sprache änderte sich, die Logik nicht: arbeitsfähig, erziehbar, sozial angepasst. Michel Foucault nannte das später „Biopolitik“ – die Verwaltung des Lebens durch Normen. 1952 erschien das erste Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM). Es definierte psychische Abweichung statistisch; der Durchschnitt wurde zur Norm.
In der Nachkriegszeit galt der Mensch als Produktionsfaktor. Das Wirtschaftswunder der 1950er und 1960er Jahre machte Leistung zur Tugend. Wer nicht funktionierte, wurde behandelt oder ausgeschlossen. Autismus und ADHS wurden erst Jahrzehnte später als neurologische Varianten anerkannt. Die alte Grenze blieb: Akzeptanz gab es nur gegen Anpassung.
Populismus und die Wiederkehr des Alten
Heute beobachten Forschende, dass Populismus dann wächst, wenn Menschen Unsicherheit erleben. Karen Stenner (2005) nennt das den „Autoritarismus-Trigger“: Bedrohung ruft den Wunsch nach Ordnung hervor. Pippa Norris und Ronald Inglehart (2019) zeigen, dass ökonomischer Stress und kulturelle Angst Toleranz senken. Das Ergebnis ist immer gleich: Unterschied wird zum Risiko erklärt.
In den aktuellen politischen Debatten werden Vielfalt und Differenz oft wieder ökonomisch bewertet. Anpassungsfähigkeit wird als gesellschaftliche Pflicht dargestellt; wer anders denkt, gilt als „nicht resilient“. Diese Sprache ist nicht zufällig – sie ist eine moderne Übersetzung der alten Idee, dass nur das wertvoll ist, was funktioniert.
Das getötete "Kapital"
Wenn Gesellschaften Leben nach Leistung sortieren, vernichten sie ihr eigenes intellektuelles und moralisches Kapital. Die eugenische Medizin tötete nicht nur Hunderttausende, sie zerstörte die wissenschaftliche und kulturelle Avantgarde Europas. Zehntausende Ärzt:innen, Forschende und Künstler:innen mussten fliehen oder wurden ermordet. Der Verlust war irreversibel: Wissen, Sprache, Empathie, Vielfalt – ausgelöscht, weil sie nicht in ein homogenes Menschenbild passten.
Heute geschieht das Gleiche strukturell: Wenn Bildungssysteme nur lineare Biografien fördern, wenn Unternehmen Anpassung höher werten als Kreativität, sterben dieselben Fähigkeiten – nicht biologisch, sondern kulturell. Eine Gesellschaft, die Unterschied pathologisiert, amputiert ihre Zukunft.
Humanistische Einordnung
Humanismus beginnt dort, wo Nützlichkeit endet. Würde ist kein Marktwert. Arendt, Camus und Levinas erinnerten daran, dass der Mensch Zweck in sich selbst ist. Neurodivergente Menschen verkörpern dieses Prinzip: Sie denken quer, verknüpfen unerwartet, erinnern die Gesellschaft daran, dass Erkenntnis immer dort entsteht, wo Wahrnehmung sich unterscheidet.
Die Vernichtung sogenannter „lebensunwerter“ Leben war moralisch verwerflich und wissenschaftlich selbstzerstörerisch. Sie zeigte, was geschieht, wenn Intelligenz sich über Empathie stellt. Heute trägt dieselbe Hybris andere Namen: Optimierung, Produktivität, Effizienz. Doch die Struktur bleibt: Wer nicht mithalten kann, wird unsichtbar gemacht.
Fazit – Toleranz als Strukturintelligenz
Autismus betrifft rund ein Prozent der Bevölkerung, ADHS etwa drei Prozent. Diese Daten und die historische Blindstelle der Diagnostik habe ich bereits in meinem Beitrag „Wenn Unsichtbares sichtbar wird“ ausführlich beschrieben. Wie gravierend die Folgen fehlender Erkennung sein können – bis hin zu erhöhten Suizidraten –, analysiert mein Newsletter „Etikett oder Hilfsverweigerung“. Und welche Risiken entstehen, wenn neurodivergente Menschen unbehandelt bleiben oder ihre Besonderheiten als Charakterschwäche fehlgedeutet werden, zeige ich dort ebenfalls anhand aktueller Studien und Registerdaten.
Hier, im politischen und historischen Zusammenhang, schließt sich der Kreis: Sichtbarkeit ist kein Trend, sondern eine Form der gesellschaftlichen Wahrheitsproduktion. Wer sie einschränkt, gefährdet nicht nur Individuen, sondern die Fähigkeit einer Demokratie, sich selbst zu erkennen.
Populismus und Autoritarismus beruhen auf derselben Angst: dass Vielfalt Kontrolle entzieht. Doch Kontrolle war nie die Aufgabe der Demokratie; ihre Stärke liegt im Aushalten von Differenz. Toleranz ist kein Gefühl, sondern eine Form kollektiver Intelligenz – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu leben, ohne sie zu zerstören.
Menschen sind kein Kapital. Sie sind der Ursprung jeder Bedeutung. Wer den Wert des Lebens an Nützlichkeit bindet, verliert beides – den Menschen und die Bedeutung. Pluralität ist das Gesetz der Erde. Sie zu schützen ist kein moralischer Luxus, sondern Überlebenslogik.
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