“The children I have described are not necessarily dull or defective in intellect… but they have a defect of moral control.”—George Frederic Still
In einer Dokumentation bin ich über einen Begriff gestolpert, der sich zunächst wie ein Relikt aus einer anderen Zeit anfühlt – „minimal brain damage“. Eine medizinische Beschreibung für das, was wir heute unter ADHS fassen. Und während man instinktiv denkt, dass solche Begriffe längst überwunden sind, bleibt etwas hängen, das sich nicht so leicht abschütteln lässt. Nicht der Begriff selbst, sondern die Struktur dahinter. Und ich merke noch in dem Moment, wie sich in mir etwas zusammenzieht. Mein erster Gedanke war nicht analytisch. Er war sehr direkt: Mein Gehirn ist doch nicht kaputt.
Ich habe danach angefangen, diese Begriffe durchzugehen. Und was sie implizieren. Und ich habe gemerkt, dass ich bei fast jedem dieser Begriffe eine ähnliche Reaktion habe. Dieses Gefühl, dass da etwas über mich gesagt wird, das nicht stimmt – und dass ich es trotzdem die ganze Zeit mittragen soll. Wenn man verstehen will, woher diese Begriffe kommen, muss man sich tatsächlich auf eine Reise einlassen. Nicht nur durch Zeit, sondern durch Denkmodelle.
Wir beginnen in London, Anfang des 20. Jahrhunderts. In einem Hörsaal, in dem George Frederic Still seine Beobachtungen vorstellt. Er ist Kinderarzt, ausgebildet in einer Zeit, in der Medizin und Moral noch enger miteinander verwoben sind, als wir es heute akzeptieren würden. Disziplin gilt als Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Selbstkontrolle ist nicht nur eine Fähigkeit, sondern ein Wert. Wer sich nicht regulieren kann, fällt nicht einfach auf – er fällt aus der Ordnung. Und genau aus dieser Ordnung heraus entsteht der Begriff „defect of moral control“. Und auch hier merke ich sofort, wie mein innerer Widerstand anspringt. Nicht, weil ich den historischen Kontext nicht verstehe – sondern weil ich genau weiß, dass das nicht beschreibt, was in mir passiert. Ich habe keinen weniger ausgeprägten moralischen Kompass. Wenn überhaupt, dann ist er oft zu präsent. Zu wach. Zu wenig bereit, Dinge einfach zu akzeptieren, nur weil sie so sind. Er beschreibt nicht nur Verhalten. Er beschreibt ein Weltbild. Ein Weltbild, in dem es eine klare Vorstellung davon gibt, wie ein Mensch zu funktionieren hat – und in dem Abweichung nicht als Variation gelesen wird, sondern als Mangel an etwas, das vorhanden sein sollte. Still arbeitet mit etwa vier Dutzend Fällen, sorgfältig dokumentiert, für damalige Verhältnisse wissenschaftlich präzise.
Aber seine Deutung ist geprägt von der moralischen Struktur seiner Zeit. Was er sieht, ist real. Was er daraus macht, ist Interpretation. Und wenn man noch einen Schritt tiefer geht, wird sichtbar, warum genau diese Kinder in diesem System so auffällig wurden. Wir sprechen hier nicht nur über fehlende Anpassung, sondern über ein Aufeinandertreffen zweier Logiken. Auf der einen Seite ein gesellschaftliches System, das Gehorsam, lineare Selbstkontrolle und das Einfügen in bestehende Strukturen erwartet. Auf der anderen Seite Kinder, die genau diese Strukturen nicht einfach übernehmen, sondern sie prüfen, hinterfragen, durchbrechen. Was heute als kritisches Denken oder als Sensibilität für Widersprüche beschrieben werden könnte, wurde damals als moralische Abweichung gelesen. Und genau das trifft einen Punkt, den ich selbst sehr gut kenne. Dieses nicht-einfach-übernehmen. Dieses innere Stoppen, wenn etwas nicht logisch ist. Dieses Gefühl, dass Regeln nicht automatisch richtig sind, nur weil sie existieren. Und dass man sie deshalb nicht einfach befolgt, sondern einordnet. Nicht, weil diese Kinder weniger Moral hatten. Sondern weil ihre Art, mit Moral umzugehen, nicht in die bestehenden Kategorien passte. Sie reagieren schneller, intensiver, unmittelbarer. Sie stellen Regeln nicht nur fest, sie prüfen sie. Sie folgen ihnen nicht automatisch, sondern kontextabhängig. Und genau das kollidiert in einem System, das Stabilität über Anpassung definiert, mit den Erwartungen. Das Problem lag also nicht in der Moral. Es lag in der Passung zwischen System und Wahrnehmung.
Wir verlassen diesen Hörsaal und bewegen uns weiter. Europa und Nordamerika in den 1920er bis 1940er Jahren. Die Welt hat sich verändert. Kriege, Pandemien, neurologische Erkrankungen prägen das medizinische Denken. Besonders die Folgen der Enzephalitis lethargica hinterlassen Spuren. Kinder, die zuvor unauffällig waren, zeigen plötzlich massive Verhaltensveränderungen. Die Medizin reagiert darauf mit dem, was ihr zur Verfügung steht: dem Modell des Schadens. In dieser Zeit ist das Gehirn zunehmend Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchung, aber die Methoden sind begrenzt. Es gibt keine Bildgebung, keine funktionellen Analysen, keine differenzierte Neurochemie. Was bleibt, ist die Beobachtung von Verhalten – und der Versuch, es über sichtbare oder vermutete Läsionen zu erklären. So entsteht „brain damage“. Und wieder ist da dieser Moment, in dem ich innerlich aussteige. Dieses Wort trifft nicht nur nicht – es trifft falsch. Es legt etwas über mich, das ich nicht wiedererkenne. Ein Schaden. Etwas Defektes. Etwas, das repariert werden müsste. Und ich merke, wie stark dieses Framing ist, obwohl ich weiß, dass es wissenschaftlich so nicht haltbar ist.
Die Studien, auf denen diese Begriffe beruhen, sind klein, oft klinisch selektiert, teilweise unter 100 Fälle. Sie entstehen in einem Umfeld, das geprägt ist von der Suche nach klaren, greifbaren Ursachen. Ein beschädigtes Organ ist erklärbar. Ein Verhalten ohne sichtbare Ursache ist es nicht. Also wird die Ursache angenommen. Und auch hier lohnt sich ein zweiter Blick. Denn in einer Zeit, die von Krieg, Verletzung und sichtbaren körperlichen Schäden geprägt ist, liegt es nahe, Abweichung über Beschädigung zu erklären. Das medizinische Denken dieser Jahre ist zutiefst von der Idee geprägt, dass jedes Symptom eine sichtbare, lokalisierbare Ursache haben muss. Unsichtbare Unterschiede haben in diesem Modell keinen Platz. Kinder, die nicht in dieses Schema passen, werden also in ein vorhandenes Modell eingeordnet. Nicht, weil das Modell passt. Sondern weil es das einzige ist, das zur Verfügung steht. Als sich zeigt, dass dieser Schaden in den meisten Fällen nicht nachweisbar ist, wird das Modell nicht verworfen, sondern angepasst.
Wir bewegen uns in die Nachkriegszeit, in die 1950er und 1960er Jahre. Eine Phase, in der sich die Medizin stärker funktional ausrichtet. Systeme statt Strukturen, Prozesse statt Läsionen. Aus „damage“ wird „dysfunction“. Und wieder bleibt dieses Gefühl. Es klingt besser. Weniger hart. Aber es trifft mich nicht weniger. Denn auch „dysfunktional“ setzt voraus, dass es eine richtige Art zu funktionieren gibt – und dass ich davon abweiche. Das klingt moderner, vorsichtiger, wissenschaftlicher. Aber auch diese Zeit ist nicht neutral. Sie ist geprägt von einem wachsenden Bedürfnis nach Standardisierung. Schulen werden strukturierter, Arbeitsprozesse rationalisiert, gesellschaftliche Abläufe stärker normiert. Funktionieren bekommt eine neue Bedeutung. Es geht nicht mehr nur um moralische Anpassung, sondern um Effizienz. Und genau in diesem Kontext entsteht die Idee der Fehlfunktion. Was nicht in die erwarteten Abläufe passt, funktioniert nicht richtig. Und auch hier wird deutlich, dass es weniger um das Individuum geht als um das System, in dem dieses Individuum funktionieren soll. Wer nicht linear arbeitet, wer zwischen Reizen springt, wer Dinge parallel denkt, fällt in einem System, das Sequenzialität verlangt, zwangsläufig heraus. Nicht, weil er nicht funktionieren kann. Sondern weil er anders funktioniert.
In den späten 1960er Jahren, als die American Psychiatric Association beginnt, Verhalten systematisch zu klassifizieren, taucht der Begriff „hyperkinetic reaction of childhood“ auf. Auch dieser Begriff trägt die Prägung seiner Zeit. Psychiatrie bewegt sich zwischen biologischen, psychodynamischen und verhaltensorientierten Modellen. Die Idee der „Reaktion“ passt in ein Denken, das Verhalten als Antwort auf innere oder äußere Reize versteht. Aber auch hier zeigt sich die Begrenzung des Modells. Es wird ein Ursache-Wirkung-Zusammenhang unterstellt, der so nicht existiert.
Wir gehen weiter. 1980er Jahre. Die Psychiatrie steht unter Druck, präziser zu werden. Diagnosen sollen vergleichbar, messbar, reproduzierbar sein. Das DSM-III wird veröffentlicht. Ein Meilenstein – und gleichzeitig eine Zäsur. Kategorien werden operationalisiert, Symptome definiert, Schwellenwerte festgelegt. ADHS entsteht in der Form, die wir heute kennen. „Attention Deficit Hyperactivity Disorder.“ Und auch hier merke ich wieder diesen kurzen inneren Moment. „Defizit“. Das Wort bleibt hängen. Es ist technisch gemeint, aber es landet nicht technisch. Es landet persönlich. Ein Begriff, der aus einem wissenschaftlichen Umfeld kommt, das stark von Verhaltensmessung, Statistik und klinischer Vergleichbarkeit geprägt ist. Aufmerksamkeit wird messbar gemacht, Abweichung quantifiziert. Studien umfassen jetzt größere Stichproben, oft mehrere hundert bis tausend Teilnehmende, und zeigen stabile Muster in Aufmerksamkeitssteuerung, Impulsregulation und Aktivitätsniveau. Neurobiologische Unterschiede werden sichtbar – insbesondere in Netzwerken, die mit exekutiven Funktionen und dopaminerger Regulation verbunden sind. Und trotzdem bleibt etwas gleich. Der Begriff „Defizit“. Er entsteht nicht, weil ein Mangel im absoluten Sinne gemessen wird, sondern weil eine Abweichung von einer definierten Norm vorliegt. Diese Norm ist nicht naturgegeben. Sie ist geprägt von einem Bildungssystem, das lineare Aufmerksamkeit belohnt, von Arbeitsstrukturen, die kontinuierliche Fokussierung voraussetzen, von sozialen Erwartungen, die Reizfilterung und Selbstregulation verlangen. Das Defizit ist also nicht nur biologisch. Es ist kontextuell. Und genau an dieser Stelle wird die Tiefe dieser Entwicklung sichtbar. Denn wenn ein Mensch dazu neigt, Muster zu erkennen, Systeme zu hinterfragen, nicht automatisch zu internalisieren, was vorgegeben wird, dann ist er in einem System, das Anpassung erwartet, nicht neutral positioniert. Er ist im Konflikt.
Was als Ablenkbarkeit beschrieben wird, kann in einem anderen Kontext die Fähigkeit sein, mehrere Reize gleichzeitig wahrzunehmen. Was als Impulsivität gilt, kann auch eine geringere Verzögerung zwischen Wahrnehmung und Handlung sein. Was als mangelnde Anpassung gelesen wird, kann die Weigerung sein, widersprüchliche oder unlogische Regeln einfach zu übernehmen. Diese Eigenschaften kollidieren nicht zufällig mit den Systemen, in denen sie bewertet werden. Sie kollidieren strukturell. Parallel dazu etabliert die World Health Organization ihre Klassifikationen. Der Begriff „Störung“ wird gewählt – als Kompromiss zwischen medizinischer Diagnose und gesellschaftlicher Akzeptanz. Nicht so endgültig wie „Krankheit“, aber deutlich genug, um Abweichung zu markieren. Und genau hier zeigt sich, wie stabil diese Struktur ist. Die Begriffe verändern sich. Die Modelle werden präziser. Die Methoden besser. Aber die Grundlogik bleibt: Es gibt eine Norm – und es gibt Abweichung. Und diese Abweichung wird sprachlich als Defizit codiert. Was diese Sprache macht, lässt sich heute klar benennen. Studien zeigen, dass diagnostische Begriffe die Wahrnehmung von Menschen verändern. Dass sie Zuschreibungen beeinflussen. Dass sie Erwartungen formen. Menschen mit ADHS werden häufiger als weniger zuverlässig, weniger kontrolliert eingeschätzt – selbst bei identischem Verhalten.
Und ich merke, wie schnell man beginnt, sich dagegen innerlich zu verteidigen. Wie viel Energie es kostet, sich nicht über diese Begriffe zu definieren. Wie subtil diese Verschiebung passiert – nicht als laute Abwertung, sondern als leiser Rahmen, in dem man sich plötzlich wiederfindet. Und diese Wirkung endet nicht nach außen. Sie geht nach innen. Selbststigmatisierung ist ein gut untersuchtes Phänomen. Begriffe werden nicht nur gehört, sie werden übernommen. Sie werden Teil des eigenen Denkens. Wer sich selbst über Jahre als „defizitär“ oder „gestört“ beschreibt – auch wenn diese Begriffe von außen kommen – beginnt, sich innerhalb dieser Kategorien zu bewegen. Und genau da wird es schwierig. Weil man irgendwann nicht mehr nur gegen das System arbeitet, sondern gegen ein Bild von sich selbst, das man nie bewusst gewählt hat. Wenn man an dieser Stelle nicht stehen bleibt, sondern die Reise weiterführt, landet man nicht in einer neuen Klarheit, sondern in einer Phase, die sich selbst für besonders wissenschaftlich hält.
Wir bewegen uns jetzt in die späten 1980er bis 2000er Jahre. Nordamerika, zunehmend globalisiert. Die Psychiatrie hat sich neu aufgestellt. Weg von uneinheitlichen Beschreibungen, hin zu standardisierten Diagnosesystemen. Das Ziel ist Vergleichbarkeit. Reproduzierbarkeit. Messbarkeit. Das DSM-III war der Anfang, aber das eigentliche Gewicht entfaltet sich in den folgenden Jahrzehnten. DSM-IV, später DSM-5. Große Studien, größere Stichproben, internationale Kooperationen. Plötzlich sprechen wir nicht mehr von einigen Dutzend Kindern, sondern von Datensätzen mit mehreren tausend Teilnehmenden. Metaanalysen. Zwillingsstudien. Längsschnittuntersuchungen. Und in diesem Umfeld passiert etwas Entscheidendes. ADHS wird stabil. Nicht im Sinne von „gelöst“, sondern im Sinne von: statistisch konsistent. Die Heritabilität wird in großen Zwillingsstudien immer wieder im Bereich von etwa 70 bis 80 Prozent verortet. Das bedeutet: Ein erheblicher Teil der Varianz lässt sich genetisch erklären. Gleichzeitig zeigen bildgebende Verfahren Unterschiede in Netzwerken – insbesondere im präfrontalen Cortex, im Striatum und in dopaminergen Systemen. Keine Schäden. Keine klaren Defekte. Sondern Muster. Unterschiede in Aktivierung. In Vernetzung. In Timing. Die Forschung wird präziser. Die Modelle komplexer.
Aber auch diese Phase ist nicht neutral geprägt. Sie ist stark beeinflusst von einem bestimmten wissenschaftlichen Paradigma: der Operationalisierung. Alles, was nicht messbar ist, wird schwer greifbar. Also wird Verhalten in messbare Einheiten zerlegt. Aufmerksamkeit wird zur Zeitspanne. Impulsivität zur Reaktionshemmung. Aktivität zu beobachtbarem Verhalten. Und genau hier verfestigt sich etwas, das bis heute wirkt. Denn wenn man ein Phänomen über Messbarkeit definiert, braucht man Referenzwerte. Mittelwerte. Normbereiche. Und alles, was außerhalb dieser Bereiche liegt, wird automatisch zur Abweichung. Der Begriff „Defizit“ bekommt in dieser Phase seine scheinbare Legitimation. Nicht, weil jemand entschieden hat, dass etwas fehlt. Sondern weil statistisch definiert wird, was „normal“ ist. Aber auch diese Normalität ist nicht naturgegeben. Sie entsteht aus den Bedingungen, unter denen gemessen wird. Klassenzimmer. Testsituationen. standardisierte Umgebungen. Kinder sitzen still, bearbeiten Aufgaben, fokussieren sich über definierte Zeiträume. Wer in diesem Setting gut funktioniert, liegt im Normbereich. Wer es nicht tut, fällt heraus. Das bedeutet: Die Messung ist nicht unabhängig vom Kontext. Sie ist Teil davon. Und genau das wird selten mitgedacht.
In den 2000er und 2010er Jahren verschiebt sich der Fokus erneut. Die Neurowissenschaft wird dominanter. Bildgebende Verfahren werden verfeinert. fMRT-Studien, Netzwerkanalysen, groß angelegte Konsortien. Die Stichproben wachsen weiter, teilweise mehrere tausend Personen über verschiedene Länder hinweg. Und wieder zeigt sich ein konsistentes Bild: ADHS ist keine strukturelle Schädigung. Es ist eine andere Organisation. Unterschiede in exekutiven Netzwerken. In Belohnungsverarbeitung. In der zeitlichen Koordination von Aufmerksamkeit. Studien zeigen beispielsweise, dass die Variabilität von Reaktionszeiten bei Menschen mit ADHS signifikant höher ist – nicht, weil sie „weniger können“, sondern weil ihre neuronale Aktivität anders moduliert wird. Auch das ist kein Defizit im absoluten Sinne. Es ist ein anderes Muster. Und genau an diesem Punkt wird der Widerspruch fast greifbar. Je mehr wir verstehen, desto klarer wird, dass das ursprüngliche Framing nicht trägt. Und trotzdem sprechen wir weiter darin.
Parallel dazu beginnt sich ein zweiter Diskurs zu entwickeln. Nicht mehr nur innerhalb der Medizin, sondern interdisziplinär. Psychologie, Soziologie, Bildungsforschung. Und dort taucht eine Frage auf, die vorher kaum gestellt wurde: Was passiert eigentlich durch die Diagnose selbst? Untersuchungen zeigen, dass diagnostische Labels Erwartungen verändern. Lehrer bewerten identische Leistungen unterschiedlich, je nachdem, ob ein Kind als „ADHS“ eingeordnet ist oder nicht. Erwachsene werden in beruflichen Kontexten anders eingeschätzt. Weniger zuverlässig. Weniger strukturiert. Weniger belastbar. Und diese Effekte sind messbar. Gleichzeitig zeigen Studien zur Selbstwahrnehmung, dass Menschen mit ADHS häufiger internalisierte negative Zuschreibungen entwickeln. Nicht, weil ihre Fähigkeiten objektiv geringer wären, sondern weil sie sich innerhalb eines Rahmens bewegen, der diese Fähigkeiten permanent als unzureichend bewertet. Und genau da entsteht diese leise Spannung. Zwischen dem, was ich über mich weiß – und dem, was die Begriffe über mich sagen.
Die letzten 40 Jahre Forschung haben also zwei Dinge parallel hervorgebracht:
Auf der einen Seite steht eine hochdifferenzierte Wissenschaft, die zeigt, dass wir es mit einer Form von Variation zu tun haben, die tief in biologischen Prozessen verankert ist. Auf der anderen Seite steht eine Begrifflichkeit, die weiterhin aus einem Modell stammt, das Abweichung primär als Mangel beschreibt. Und genau diese Gleichzeitigkeit ist der Punkt, an dem es heute interessant wird. Denn wir wissen mehr als je zuvor. Aber wir sprechen noch immer in Begriffen, die aus einer Zeit stammen, in der wir es nicht besser wussten.
George Frederic Still (1902); von Economo (1931); Strauss & Lehtinen (1947); Clements (1966); American Psychiatric Association; World Health Organization; Faraone & Larsson (2019); Hoogman et al. (2017); Kofler et al. (2013); Mueller et al. (2012); Lebowitz (2016).

