Die Sache mit den Genen – warum Neurodivergenz nicht einfach „angeboren oder nicht“ ist
Wenn in Studien steht, „Autismus ist zu 80 % vererbbar“ oder „ADHS zu 74 %“, klingt das für viele wie: „Das ist fest in den Genen, da kann man nichts machen.“
Nur: So funktioniert Heritabilität nicht.
Heritabilität beschreibt, wie viel der Unterschiede zwischen Menschen in einer bestimmten Population durch genetische Unterschiede erklärbar ist – nicht, wie „festgelegt“ ein Merkmal bei einer einzelnen Person ist. Ein Wert von 80 % bedeutet nicht, dass Gene der alleinige Faktor sind. Es bedeutet: In dieser Studie ließen sich 80 % der beobachteten Unterschiede zwischen den Teilnehmer:innen auf genetische Varianten zurückführen. Die restlichen 20 % entfielen auf Umwelt, Zufall oder Messfehler.
Seit 2020 haben große genomweite Studien (GWAS) unsere Sicht geschärft:
– ADHS: Heritabilität in Zwillingsstudien zwischen 70 % und 80 % (Demontis et al., Nature Genetics, 2023). Über 27 Genregionen sind beteiligt – jede trägt nur einen winzigen Teil zum Risiko bei.
– Autismus: Meta-Analysen kommen auf rund 80 % Heritabilität (Zhou et al., Nature Genetics, 2022). Dabei wirken sowohl vererbte Varianten als auch sogenannte de-novo-Mutationen.
– Dyslexie: GWAS mit über einer Million Teilnehmenden zeigen Heritabilitätswerte um 70 %, verteilt über mehr als 40 Genloci (Doust et al., Nature Genetics, 2022).
Gemeinsam ist all diesen Befunden: Es gibt kein einzelnes „Gen für“ ADHS oder Autismus. Stattdessen sprechen wir von polygenen Profilen – tausende genetische Varianten, deren Effekte sich summieren und mit Umweltfaktoren interagieren.
Das ist auch die gute Nachricht: Gene setzen nicht den Endpunkt, sondern den Startpunkt. Ernährung, Schlaf, Bildung, Stress, soziale Einflüsse – all das moduliert, wie sich ein genetisches Profil auswirkt. Epigenetische Forschung zeigt inzwischen, dass Umwelteinflüsse die Genaktivität regulieren können – teils über Generationen hinweg.
Vielleicht ist genau das die Haltung, die wir brauchen: Neurodivergenz ist nicht Schicksal, sondern Teil der menschlichen Vielfalt. Geprägt von Genen, geformt vom Leben.
Quellen https://lnkd.in/dVpc7uGx
https://lnkd.in/dqCPMeDz
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