Viele Eltern von autistischen Kindern bekommen irgendwann diesen Satz zu hören:
„Wie konnte man das nicht sehen?“
Dahinter steckt oft der unausgesprochene Vorwurf, man habe versagt. Man habe weggeschaut. Man habe sein Kind nicht „richtig“ beobachtet.
Aber wer selbst neurodivergent ist – vielleicht ohne es zu wissen –, für den sind viele Verhaltensweisen schlicht Normalität.
Wenn niemand in der Familie gezwungen wird, Smalltalk zu machen, fällt nicht auf, dass ein Kind keinen Smalltalk führt.
Wenn Routinen, klare Abläufe oder besondere Interessen zum Alltag gehören, wirken sie nicht „auffällig“.
Wenn Augenkontakt keine Grundvoraussetzung für Nähe ist, dann wird das auch nicht vermisst.
Mir ist das besonders in der Diagnostik meines Kindes bewusst geworden.
Da saß ich in einem Raum, und man stellte mir Fragen wie:
„Isst er nur bestimmte Dinge?“ – Ich musste sofort an meine Haferflocken denken und dachte: Ja, tut er. Tue ich auch. Was soll daran schlimm sein?
Oder: „Sucht er sich seine sozialen Kontakte sehr genau aus?“ – Auch hier dachte ich: Ja. Zum Glück.
Oder: „Hält er konstant Augenkontakt?“ – Entschuldigung, aber das ist für mich kein Maßstab, nach dem ich mein Kind beurteile.
All diese Fragen haben mir gezeigt: Was die Diagnostik als „Abweichung“ markiert, ist für uns als neurodivergente Familie schlicht Teil der Normalität.
Und genau deshalb ist es für viele Eltern schwer, Autismus bei den eigenen Kindern zu „erkennen“. Nicht, weil man blind wäre oder nicht hinschauen wollte. Sondern weil der Kontext die Wahrnehmung prägt.
Wenn ich selbst mein Leben lang bestimmte Muster habe, fallen mir dieselben Muster bei meinem Kind nicht als „anders“ auf.
Wie sollte ich auch?
Darum finde ich, wir sollten Eltern mit mehr Gnade begegnen.
Es geht nicht darum, Schuld zu verteilen. Es geht darum, Aufklärung zu schaffen, ohne Menschen bloßzustellen.
Autismus zeigt sich immer in einem Beziehungskontext – und wenn dieser Kontext selbst neurodivergent ist, verschieben sich die Maßstäbe.
Ich wünsche mir, dass wir wegkommen von diesem reflexhaften Urteil: „Das hätten Sie doch sehen müssen.“
Und hinkommen zu einem Verständnis, das anerkennt: Eltern können nur innerhalb ihrer eigenen Wahrnehmung und Erfahrung beurteilen, was „normal“ ist.
Unterstützung statt Schuld. Aufklärung statt Beschämung. Resonanz statt Urteil.
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