Warum ich meinen Alltag öffentlich mache
Es gibt Erfahrungen, für die es lange keine Worte gab. Situationen, die mich sprachlos zurückgelassen haben – weil sie zu groß, zu verworren oder zu alltäglich unsichtbar waren. Irgendwann habe ich gemerkt: Wenn ich sie nicht benenne, bleiben sie im Dunkeln.
Darum schreibe ich. Nicht, weil ich denke, dass mein Alltag spektakulär wäre. Sondern weil gerade das Unspektakuläre, das Wiederkehrende, so viel über das Leben mit Neurodivergenz erzählt. Die vergessene Wäsche. Das Übermaß an Reizen. Die Müdigkeit, die man nicht erklären kann. All das wirkt auf den ersten Blick banal – und doch ist es entscheidend, weil es prägt, wie ich leben, arbeiten und fühlen kann.
Es geht um Enttabuisierung. Solange wir schweigen, bleibt das Stigma. Solange wir so tun, als sei alles reibungslos, tragen wir die Last allein. Wenn wir aber erzählen, wird sichtbar, dass wir viele sind – und dass es keine Schwäche ist, die eigene Verletzlichkeit öffentlich zu machen.
Es geht auch um Selbsttherapie. Schreiben zwingt mich, innezuhalten, das Ungeordnete zu ordnen. Ich gebe mir selbst die Möglichkeit, meine Erfahrungen zu strukturieren und mir klarzumachen, was eigentlich passiert ist. Sprache ist für mich ein Werkzeug der Selbstklärung.
Und es geht um etwas, das noch tiefer liegt: Die Suche nach einer Sprache für Gefühle und Zustände, die mich lange sprachlos gemacht haben. Wie beschreibt man das Gefühl, innerlich in sich zusammenzufallen, während man nach außen funktioniert? Wie erklärt man den Rückzug, der nicht Gleichgültigkeit ist, sondern Überleben? Worte geben diesen Erfahrungen Form. Sie holen das Unsichtbare ins Sichtbare.
Ich erzähle nicht, um bemitleidet zu werden. Ich erzähle, weil das Schweigen schwerer wiegt. Weil ich weiß, dass meine Geschichten andere spiegeln können. Und weil es auch mir selbst leichter fällt, mich nicht nur als Problem zu betrachten, sondern als Mensch mit Erfahrungen, die geteilt werden dürfen.
Am Ende ist das Erzählen für mich ein Akt von Selbstachtung. Ich schreibe, weil es mich wieder handlungsfähig macht. Und vielleicht auch, weil es uns verbindet – dort, wo wir merken, dass wir mit all dem gar nicht so allein sind.
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