Als Kind habe ich einen Ort gehabt, an dem die Welt endlich leiser wurde: den dunklen Mittelteil eines alten Eichenschranks.
Ich habe mich dort oft mit meinen Kuscheltieren und einem Buch eingeschlossen, als wäre dieser enge Raum eine Gegenwelt – gedämpft, überschaubar, kontrollierbar. Während draußen alles zu laut, zu schnell und zu unberechenbar war, konnte ich dort zum ersten Mal wirklich herunterfahren.

Erst Jahre später habe ich verstanden, was dieses Verhalten bedeutete. In der Forschung zu Neurodivergenz wird beschrieben, dass Kinder mit ADHS, Autismus oder hoher Sensibilität häufig Rückzugsräume suchen, die sensorisch nahezu „leer“ sind. Fachtexte zur sogenannten Sensory Processing Sensitivity – geprägt unter anderem von der Psychologin Elaine Aron – beschreiben, dass hochsensitive Menschen Reize intensiver verarbeiten und deshalb Phasen der Reizabschirmung brauchen. Organisationen wie die National Autistic Society weisen darauf hin, dass Dunkelheit, reduzierte Geräusche und klare Begrenzungen helfen können, sensorische Überlastung zu vermeiden und Stress zu senken.

Für mich war dieser Schrank kein Spiel und keine heimliche Höhle. Er war eine frühe, instinktive Form von Selbstregulation. Während andere Kinder im Garten spielten oder auf dem Sofa lasen, musste ich mich zurückziehen, um überhaupt denken, fühlen oder atmen zu können. Und ich tat das nie ohne meine Bücher. Auch das lässt sich heute gut einordnen: Mehrere Studien – unter anderem eine vielzitierte Untersuchung der University of Sussex – zeigen, dass schon wenige Minuten stilles Lesen Stress deutlich reduzieren können; die Stresswerte sanken in dieser Studie um rund zwei Drittel im Vergleich zur Ausgangslage. In der Fachliteratur wird das unter dem Begriff Bibliotherapie diskutiert: gezielte Nutzung von Geschichten, um Emotionen zu verarbeiten, Angst zu senken und innere Stabilität zu fördern.

Für viele neurodivergente Menschen fungieren vertraute Bücher genau so: als sichere innere Räume, weil sie Vorhersagbarkeit und Kontrolle bieten. Wenn ich zum zehnten Mal denselben Roman lese, weiß mein Nervensystem: Hier passiert nichts Überraschendes. Ich kenne die Wendungen, die Verluste, die Rettungen. Diese Vorhersehbarkeit entlastet das limbische System – und genau das spüre ich bis heute körperlich.

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