Die Sache mit dem Smalltalk
Ich habe mich schon immer an Smalltalk gestört – und jetzt weiß ich auch warum. Es liegt nicht daran, dass ich unhöflich wäre oder Gespräche meiden möchte. Es liegt daran, dass mein Nervensystem sich gegen inhaltslose Routinen innerlich sperrt. Wenn mich das Wetter interessiert, öffne ich eine App. Wenn ich wissen will, wie es jemandem geht, dann meine ich die Frage ernst. Aber viele Gespräche sind keine Fragen, sondern Rituale. Und Rituale ohne Bedeutung erzeugen bei mir sofort eine Reibung im Körper, als würde Sprache ins Leere greifen.
Eigentlich hätte ich es schon als Kind verstehen können. In der Grundschule mussten wir einmal sagen, was unser Lieblingsgeruch sei. Ich, völlig ehrlich und acht Jahre alt, antwortete: der Geruch meines Lieblingsessens – Fischstäbchen mit Spinat und Kartoffeln. Alle haben gelacht. Die Lehrerin, die Klasse, sogar meine Eltern später. Ich stand da und verstand nicht, was daran falsch war. Heute begreife ich: Ich habe einfach die Frage beantwortet. Sie hatten aber ein Skript erwartet. Eine Metapher. Eine hübsche, sozial codierte Antwort. Und weil meine Antwort nicht ins Ritual passte, wurde sie zum Witz – obwohl sie sachlich völlig korrekt war. Dieser Moment begleitet mich bis heute wie ein frühes Beispiel dafür, wie neurodivergente Kommunikation auf normative Erwartungen trifft.
Forschung zum sogenannten Double-Empathy-Problem zeigt genau dieses Muster: Missverständnisse entstehen nicht, weil neurodivergente Menschen defizitär seien, sondern weil zwei Kommunikationslogiken aufeinandertreffen, deren Codes sich nicht automatisch lesen lassen (Milton 2022; Crompton et al. 2023; Scientific Reports 2025). Neurotypische Kommunikation funktioniert über soziale Formate, über das erwartete Ritual. Neurodivergente Kommunikation funktioniert über Inhalt, Bedeutung und Direktheit. Wenn man uns fragt, wie es uns geht, antworten wir tatsächlich. Wenn man uns etwas fragt, geben wir die Information, nicht die Fassade.
Deshalb irritiert mich Smalltalk bis heute. Warum sollte man sich jeden Tag erneut über dasselbe unterhalten? Warum gilt eine echte Antwort als „zu viel“, während eine leere Antwort als „angemessen“ gilt? Für viele neurodivergente Menschen ist Sinn der Einstieg in Verbindung. Gespräche ohne Bedeutung fühlen sich an wie eine Sprache, der ein Teil der Grammatik fehlt. Und genau deshalb ist es kein Mangel, wenn Smalltalk schwerfällt. Es ist ein Hinweis darauf, dass unser System Echtheit braucht, damit Kommunikation überhaupt resonieren kann.
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