Autismus & Dissoziation – ein Feld, das erst spät sichtbar wird

Lange herrschte die Annahme, Autismus und Dissoziation seien zwei klar getrennte Phänomene. Doch die aktuelle Forschung zeigt ein sehr anderes Bild. Dissoziative Zustände – also das kurzzeitige Wegdriften, das Gefühl der Entfremdung vom eigenen Körper oder der Eindruck, „nicht mehr ganz da zu sein“ – treten bei autistischen Menschen deutlich häufiger auf, als es lange vermutet wurde.

Die britische Forscherin Sarah Cassidy war eine der ersten, die dieses Thema systematisch untersucht hat. In einer ihrer Arbeiten beschreibt sie, dass autistische Frauen mit belastenden Kindheitserfahrungen außergewöhnlich häufig Depersonalisation und Derealisation melden. Cassidy ordnet diese Muster als Stressantwort eines Nervensystems ein, das ohnehin stark sensorisch reagiert und sich über Jahre unter Anpassungsdruck befindet.
Auch der Sozialwissenschaftler Damian Milton, der sich intensiv mit autistischen Lebensrealitäten beschäftigt, beschreibt Dissoziation nicht als Ausnahme, sondern als Folge chronischer Überforderung. Autistische Menschen navigieren oft Situationen, in denen sie maskieren, kompensieren oder permanent Reize regulieren müssen. Milton spricht in diesem Zusammenhang von einer „dauerhaften systemischen Belastung“, die das Gehirn irgendwann überfordert und in fragmentierte Wahrnehmungszustände führt.

Neurowissenschaftlich ist diese Verbindung gut erklärbar. Ein kanadisches Forschungsteam beschreibt, dass sensorisch empfindliche Gehirne schneller in einen Schutzmodus wechseln, wenn Reize zu intensiv werden. Dieses Umschalten – ein Mechanismus, der in der Traumaforschung gut beschrieben ist – kann nach außen wie Unaufmerksamkeit wirken, ist aber eine biologische Abschirmung gegen Überlastung. Ähnliche Beobachtungen machte eine israelische Arbeitsgruppe, die bei autistischen Erwachsenen auffällig oft das Zusammenspiel aus auditiver Überempfindlichkeit und dissoziativen Momenten dokumentierte.

Wichtig ist, was all diese Befunde gemeinsam haben: Dissoziation ist kein definierendes Merkmal von Autismus. Aber wenn sie auftritt, ist sie kein Widerspruch. Sie ist ein Hinweis darauf, dass ein ohnehin sensibles Nervensystem langfristig überlastet wurde – durch Reize, soziale Anforderungen oder durch Trauma. Erst jetzt beginnt die Forschung, dieses Zusammenspiel ernst zu nehmen. Und genau deshalb ist dieses Feld so wichtig: Es erklärt Erfahrungen, die viele autistische Menschen seit Jahren haben, ohne dafür jemals Worte gehabt zu haben.
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