Das Märchen der Funktionalität
Es gibt ein hartnäckiges Narrativ in unserer Gesellschaft: dass wir alle nur „gut“ sind, wenn wir funktionieren. Arbeiten, leisten, produzieren. Uns wird erzählt, es gäbe langfristig nicht genug Arbeit für alle, gleichzeitig aber propagiert man eine Kultur, in der wir am besten acht Tage die Woche arbeiten sollen. Zwischen diesen widersprüchlichen Glaubenssätzen werden neurodivergente Menschen aufgerieben.
Lange habe ich versucht, in dieser Logik mitzuhalten. Zu viel, zu schnell, zu laut. Je weniger ich spürte, desto besser passte ich hinein. Doch irgendwann wurde mir klar, wie sehr dieses System davon lebt, dass Menschen sich von ihren Körpern und Bedürfnissen abtrennen. Funktionalität wird zum moralischen Maßstab, nicht zum Werkzeug.
Neurodivergente erleben diese Spannung auf besondere Weise. Viele von uns haben Jahrzehnte damit verbracht, sich selbst zu überstimmen: mit Masking, Überanpassung, Selbstoptimierung. Forschung zeigt, dass dieses permanente „Camouflaging“ bei autistischen und ADHS-Betroffenen stark mit Erschöpfung und Depression verknüpft ist (Journal of Autism and Developmental Disorders, PMCID: PMC8992921). Gleichzeitig belegen Studien zu Arbeitsplatzbelastung und mentaler Gesundheit, dass chronische Überforderung zu erhöhter Morbidität führt – und dass neurodivergente Menschen besonders vulnerabel sind, wenn Strukturen kaum Regeneration erlauben (Lancet Psychiatry, 2023, sprachlich eingebettet via thelancet.com).
Was mit Ruhe sichtbar wird, ist ernüchternd und befreiend zugleich. Wenn der innere Motor nicht mehr permanent läuft, stellt sich nicht nur die Frage: „Was kann ich leisten?“, sondern: „Was brauche ich, um gesund zu bleiben?“ Statt Funktionalität tritt Sinn in den Vordergrund. Statt Dauerleistung Beziehung. Statt Perfektion Integrität.
Mir wird immer klarer, dass „funktionieren“ nie mein Kern war. Es war eine Überlebensstrategie, eine Form moderner Tarnung. Und es hatte einen Preis. Heute suche ich nicht mehr nach maximaler Produktivität, sondern nach Balance. Ich gestalte Tage, die Raum haben: für Gedanken, Pausen, Nähe. Das ist kein Mangel, sondern eine andere Form von Präsenz.
Das Märchen der Funktionalität will uns glauben lassen, dass wir nur wertvoll sind, wenn wir uns selbst übergehen. Doch es ist kein Zeichen von Stärke, sein Nervensystem zu verbrennen. Stärke zeigt sich dort, wo wir uns erlauben, in einem Tempo zu leben, das uns nicht kaputt macht.
Neurodivergent zu leben heißt nicht, „weniger“ zu sein. Es bedeutet, die eigenen Rhythmen ernst zu nehmen.
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