Veränderte Reizverarbeitung bei AuDHD unter Medikation

Seit ich mit ADHS + Autismus diagnostiziert wurde und Medikamente nehme, verändert sich meine Wahrnehmung – nicht in kleinen Nuancen, sondern in Dimensionen. Es ist, als hätte jemand an Reglern gedreht, die vorher nicht zugänglich waren.

Geräusche sind plötzlich lauter. Nicht einfach „etwas deutlicher“ – sondern klar, scharf, manchmal stechend. Gespräche im Nebenraum, das Surren eines Kühlschranks, Schritte im Treppenhaus: Dinge, die früher im Grundrauschen verschwanden, stehen jetzt im Vordergrund. Licht ist intensiver. Farben wirken heller, kantiger. Ich kann mich nicht erinnern, die Welt je so gesehen zu haben. Es fühlt sich neu an, manchmal überwältigend schön, manchmal zu viel. Manche Stoffe auf der Haut ertrage ich kaum noch, so als hätte die Haut einen direkteren Draht zum Gehirn bekommen. Und Gerüche – besonders synthetische – springen mich regelrecht an. Es ist, als hätte jemand die Filter entfernt, von denen ich nie wusste, dass sie existieren.

Das klingt nach Überforderung, doch seltsamerweise fühlt es sich gleichzeitig klarer an. Ohne den pausenlosen inneren ADHS-Strudel, der alles überdeckt hat, tritt mein autistisches Nervensystem deutlicher hervor. Ich bemerke Reize, bevor mein Kopf versucht, sie zu erklären. Ich sehe, höre, rieche direkter. Es ist nicht nur eine Veränderung der Sinne, sondern eine andere Art, in der Welt zu sein.

Wissenschaftlich betrachtet ist das nicht überraschend. Bei vielen Menschen mit AuDHD überdeckt das ADHS-Profil – mit Impulsivität, innerer Unruhe, Reizsuche – lange die autistischen Eigenschaften. Stimulanzien reduzieren diesen „Drive“ und schaffen Raum für eine differenziertere Reizwahrnehmung. Dadurch kann Autismus sichtbarer werden: weniger Filter, weniger Ablenkung, mehr direkte Verarbeitung. Studien zeigen, dass gerade sensorische Empfindlichkeit und Detailwahrnehmung nach Medikation deutlicher hervortreten können, weil die ADHD-Überlagerung abnimmt. Keine neue Persönlichkeit, kein „mehr Autismus“ – sondern ein unverhüllterer Blick auf das, was schon da war.

Für mich hat diese Öffnung zwei Seiten. Einerseits ist es befreiend, innere Ruhe zu fühlen. Andererseits ist es eine neue Lernreise, mit dieser Intensität umzugehen. Gute Kopfhörer, Pausen, weichere Kleidung, vertraute Gerüche – kleine Anpassungen helfen. Aber das Wichtigste ist das Verstehen: Dass diese Veränderung kein Rückschritt ist, sondern ein Prozess, in dem mein Nervensystem endlich gehört wird.

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