Wenn 30 Filme gleichzeitig laufen – über Gedankenkreisen und mentale Hyperaktivität bei AUDHS
In meinem Kopf laufen oft dreißig Filme gleichzeitig. Jeder davon hat seine eigene Handlung, seine eigene Musik, seinen eigenen Rhythmus. Manche sind laut, andere leise, aber alle gleichzeitig da. Ich weiß, dass sie laufen. Ich weiß, dass irgendwo darin Ideen, Erinnerungen oder Einsichten stecken. Nur kann ich sie nicht greifen, weil sie sich gegenseitig überlagern. Es ist, als würde ich alles gleichzeitig wahrnehmen – und nichts wirklich verstehen.
Manchmal schiebt sich einer dieser Filme nach vorne. Dann wird ein Gedanke klar, fokussiert, greifbar. Aber bis dahin vergehen oft Stunden, in denen alles zu viel und zu schnell ist. Ich kenne kein Gefühl von Stille im Kopf. Selbst in ruhigen Momenten läuft das innere Programm weiter – unaufhörlich, assoziativ, wach.
Neurobiologisch ist das keine „Unruhe“ im psychologischen Sinn, sondern ein permanentes Zusammenspiel verschiedener Hirnnetzwerke, die nicht sauber takten. Das Default-Mode-Network, das normalerweise für freies Denken, Erinnerungen und Selbstbezug zuständig ist, bleibt bei ADHS überaktiv. Es sollte eigentlich nur in Ruhephasen arbeiten – tut es aber die ganze Zeit. Gleichzeitig ist der präfrontale Cortex, der diese Aktivität hemmen und fokussieren soll, unterreguliert. Er filtert nicht, welche Gedankenspur relevant ist, sondern lässt sie alle durch.
So entsteht das Gefühl, dreißig Prozesse gleichzeitig laufen zu haben: kein Chaos im Sinne von Verwirrung, sondern eine Überlagerung paralleler Bedeutungsströme.
Der Kopf versucht, zu ordnen, aber jede Ordnung erzeugt neue Assoziationen.
Bei Autismus verstärkt sich das noch: Sprache, Bild, Erinnerung, Geruch – alles ist vernetzt. Ein Wort kann zehn Erinnerungen aktivieren, eine davon führt zu einem inneren Bild, das wiederum eine Emotion auslöst. Es ist wie ein Netzwerk aus Synapsen, das keine Pausen kennt.
Und weil die Dopaminregulation bei ADHS schwankt, kann das Gehirn diesen Zustand nicht effizient priorisieren. Der Motor läuft, aber das Steuer wackelt. Aufmerksamkeit springt zwischen Systemen, als würde man durch Kanäle zappen, ohne je einen Sender ganz zu sehen.
Es gibt Momente, in denen das wunderschön ist. Dann fügt sich alles, und einer dieser Filme tritt in den Vordergrund – klar, vollständig, vibrierend. Dann kann ich schreiben, denken, erschaffen. Aber davor steht immer dieses innere Gewitter: das gleichzeitige Denken in zu vielen Richtungen, in einem Gehirn, das nicht abschalten kann.
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