Einfach nur tollpatschig? – oder warum meine Familie ständig gegen Türrahmen läuft
In meiner Familie ist es ein Running Gag: Wir laufen gegen Wände, stoßen Gläser um, stolpern über Teppichkanten. Wenn jemand fällt, lachen alle kurz – „ach, typisch“. Ich habe das jahrelang als Teil unserer Art gesehen. Wir sind halt ein bisschen unkoordiniert, dachte ich. Erst mit der ADHS-Diagnose habe ich verstanden, dass es dafür eine Erklärung gibt, die nichts mit Unaufmerksamkeit im klassischen Sinn zu tun hat.
Was bei uns als Tollpatschigkeit durchgeht, sind in Wahrheit motorische Symptome von ADHS und Autismus. Es sind keine einzelnen Missgeschicke, sondern kleine Verschiebungen in der zeitlichen Abstimmung zwischen Wahrnehmung und Bewegung. Das Gehirn sieht das Hindernis, aber das Signal, den Körper anzuhalten oder auszuweichen, kommt einen Moment zu spät. Diese Millisekunden entscheiden darüber, ob man gegen den Türrahmen läuft – oder nicht.
Ich habe mir mehrfach Rippen geprellt, weil ich gestolpert bin. Ich stoße mich regelmäßig an Tischkanten, reiße Gegenstände um, greife daneben. Das ist nicht mangelnde Achtsamkeit. Es ist eine Störung der sensorisch-motorischen Integration – also der Fähigkeit, Körperbewegung, Raumwahrnehmung und Timing gleichzeitig zu steuern.
Neurobiologisch entsteht das in den Basalganglien, im Kleinhirn und im parietalen Cortex. Diese Areale steuern, wie Reize und Bewegungen miteinander koordiniert werden. Bei ADHS ist die Dopaminregulation dort instabil. Das führt dazu, dass Reaktionen zu spät oder zu stark ausgelöst werden.
Im Autismus kommt oft eine veränderte Propriozeption hinzu – also die Fähigkeit, die eigene Körperposition im Raum präzise wahrzunehmen. Der Körper wirkt für einen Moment „entkoppelt“.
So entstehen diese typischen Szenen: zu schnell aufstehen, beim Abbiegen den Abstand falsch einschätzen, etwas aus der Hand fallen lassen, bevor man es richtig hält. Es ist, als würde die Software minimal verzögert auf die Umwelt reagieren.
Wenn ich heute gegen eine Wand laufe, ärgere ich mich weniger. Ich weiß, dass mein Körper und mein Gehirn gerade einfach nicht ganz synchron waren. Und ich weiß, dass das vielen anderen genauso geht – auch denen, die sich ihr Leben lang für ungeschickt halten.
Manchmal hilft es, das nicht als Defizit zu sehen, sondern als anderes Timing-System. Mein Körper ist nicht unkoordiniert – er ist einfach ein bisschen zu spät dran.
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