Wenn positive Ereignisse dich blockieren – oder: der Waiting Mode

Es klingt paradox: Etwas Schönes steht bevor – ein Konzert, ein Ausflug, ein gemeinsames Abendessen – und anstatt Freude zu spüren, gerät mein ganzes System in Stillstand. Ich weiß, dass ich mich gefreut habe. Ich erinnere mich sogar, wie intensiv die Vorfreude war. Aber kurz bevor es so weit ist, ist sie verschwunden. Nichts mehr davon erreichbar. Es bleibt Leere – ein Warten, das sich endlos anfühlt.

Ich kann dann nichts mehr anfangen, obwohl der Tag noch Stunden vor mir liegt. Mein Körper steht in Bereitschaft, als müsste er schon los, während mein Kopf weiterplant, überprüft, sortiert. Ich bin zu wach, um zu ruhen, und zu blockiert, um etwas zu beginnen. Es ist, als würde mein System auf Pause stehen – mit laufendem Motor.

Dieses Phänomen ist in der Neuropsychologie bekannt als anticipatory anhedonia – die Unfähigkeit, Vorfreude körperlich zu erleben. Das dopaminerge System erkennt, dass etwas Schönes bevorsteht, hält die Ausschüttung aber zurück, bis die Belohnung tatsächlich eintritt. Bei ADHS funktioniert diese zeitliche Brücke besonders schlecht: Das „Später“ erreicht das Jetzt nicht.

Dazu kommt der sogenannte Waiting Mode. Der präfrontale Cortex – zuständig für Planung und Kontrolle – ist längst aktiv, während das limbische System, in dem Freude entsteht, herunterreguliert bleibt. Der Körper wartet also stundenlang, manchmal tagelang, auf das Signal, endlich reagieren zu dürfen.

Bei AUDHS, also der Kombination aus Autismus und ADHS, wird das noch komplexer. Der autistische Teil sucht Vorhersehbarkeit, der ADHS-Teil Dopamin. Freude bedeutet Kontrollverlust, und in Verbindung mit komplexer PTBS liest das System selbst positive Erwartung als potenziell überfordernd. Das Nervensystem verwechselt Spannung mit Gefahr.

Und wenn diese Spannung zu groß wird, entsteht oft Selbstsabotage. Das System versucht, Kontrolle zurückzuholen – durch Reibung, Streit, kleine Dramen. Nicht, weil man will, dass es schiefgeht, sondern weil man die aufgestaute Energie irgendwohin lenken muss. Streit bringt Dopamin, Freude braucht Vertrauen.

Diese Mechanismen zeigen sich auch im Kleinen: Ein Nachmittagstermin, ein Arztbesuch, ein Gespräch um 17 Uhr – und der ganze Tag davor ist blockiert. Nichts geht mehr. Der Körper wartet. Die einzige Möglichkeit, die ich bisher gefunden habe, ist, mir das bewusst zu machen. Zu wissen, dass es nicht Faulheit ist, nicht Desinteresse, sondern Biologie. Mein System kann Freude nicht halten, solange es auf Sicherheit wartet.

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