ADHS – mehr als eine Familienähnlichkeit

Wer ADHS kennt, kennt oft auch das Phänomen: Es zieht sich wie ein roter Faden durch die Familie. Eltern, Geschwister, Kinder – viele erkennen sich gegenseitig in Denkweise, Tempo, Reizoffenheit. Aber was sagt die Wissenschaft dazu?

Die bislang größte genomweite Assoziationsstudie (Genome-Wide Association Study, GWAS) zu ADHS, veröffentlicht von Ditte Demontis et al. 2023 in Nature Genetics, analysierte 38.691 Personen mit ADHS und 186.843 Kontrollen. Sie identifizierte 27 genetische Loci, die das Risiko für ADHS signifikant beeinflussen. Jede einzelne Variante wirkt dabei minimal – erst in der Summe vieler tausend solcher Varianten entsteht ein messbarer Effekt.

Volltext: https://lnkd.in/dVpc7uGx
PubMed: https://lnkd.in/dGGFy-KW

Diese Struktur nennen wir polygen: Es gibt kein einzelnes „ADHS-Gen“. Große genetische Studien der letzten Jahre bestätigen: ADHS ist hoch vererbbar. Die Zwillingsstudien der letzten zwei Jahrzehnte liegen meist zwischen 70 % und 80 % Heritabilität. Das bedeutet: Etwa drei Viertel der Unterschiede in der Ausprägung von ADHS innerhalb einer bestimmten Population lassen sich durch genetische Unterschiede erklären – nicht, dass 75 % „fest in den Genen“ stecken.

Stell dir Gene wie ein riesiges Lichtpult vor.
Es gibt es tausende kleine Schieberegler. Jeder Regler steht für eine genetische Variante. Manche Regler stehen etwas höher, manche tiefer – und jeder verändert das Licht nur minimal.

Ob ein Raum hell oder dunkel wird, hängt nicht nur von der Summe dieser Regler ab, sondern auch davon, wie viele Lampen angeschlossen sind (Umweltfaktoren), ob Vorhänge offen oder zu sind (Epigenetik), und ob draußen gerade Tag oder Nacht ist (Lebenssituation).

So entstehen in einer Familie ähnliche Lichtstimmungen – weil viele Regler ähnlich eingestellt sind. Aber selbst mit fast identischen Reglern kann der Raum ganz anders wirken, wenn man die Vorhänge aufzieht oder das Licht von draußen sich verändert.

Und hier liegt der Knackpunkt: Ein Gen-Test für ADHS gibt es nicht – und er wäre nach heutigem Wissen auch kaum sinnvoll. Die genetischen Signale sind zu verteilt, ihre Effekte zu klein und ihr Zusammenspiel mit der Umwelt zu komplex, um daraus eine eindeutige Diagnose abzuleiten.

Das eigentliche Bild ist damit klarer – und spannender: Gene legen die Ausgangslage, aber wie sie sich entfalten, hängt vom ganzen Leben ab.

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