„Was uns verbindet, ist nicht, dass wir dieselbe Sprache sprechen, sondern dass wir im Sprechen einander die Welt zeigen.“(Hannah Arendt aus: „Vita activa“, 1958)

Seit den frühen Neunzigerjahren schreiben deutsche Medien über eine Diagnose, die schon damals zwischen Ernst und Übertreibung schwankte. Damals hieß sie noch Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder Hyperkinetisches Syndrom, gelegentlich „Zappelphilipp-Syndrom“. Schon 1993 fragte eine Ärztin im „Deutschen Ärzteblatt“, ob man es „nicht zu genau mit dem Zappelphilipp“ nehme. In den Archiven finden sich Titelzeilen wie „Das hyperaktive Kind – neue Mode oder neue Krankheit?“ oder „Zappelphilipp im Trend“.

Spätestens mit dem Aufkommen von Ritalin in den 1990ern begann die mediale Karriere der Skepsis. Das Medikament stand plötzlich für eine ganze Generation vermeintlich „übertherapierter“ Kinder, und ADHS – oder damals noch ADS – wurde zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Unruhe.

In den 2000er Jahren verdichtete sich die Rhetorik. Die „Pharmazeutische Zeitung“ schrieb 2006 über die „gefährliche Zappelphilipp-Therapie“. Die „Welt am Sonntag“ fragte 2001: „Wenn Philipp zappelt – sind die Eltern schuld oder die Zeit?“ Und „Spektrum der Wissenschaft“ versuchte 2013, sich gegen den Trend zu stemmen: „Die ADHS selbst ist keine Modekrankheit, doch im Brennpunkt der öffentlichen Wahrnehmung steht seit einigen Jahren die Diagnose.“ Später folgten Beiträge mit Formulierungen wie: „ADHS bei Erwachsenen: nur eine Modediagnose?“ oder „Offenbar gilt es als hip, sich als Betroffener zu sehen.“

Ob „Modekrankheit“, „Trenddiagnose“, „Zappelphilipp“ oder „hip“ – die Begriffe ändern sich, das Grundmuster bleibt: Das Ungewohnte wird in das Vorübergehende übersetzt. Die Sprache klingt harmlos, aber sie wirkt tief. Sie entzieht einem neurobiologischen Phänomen seine Legitimität, indem sie es zu einem Zeitgeistprodukt erklärt.

Was Sprache macht

Wenn Medien von einer „Modekrankheit“ sprechen, meinen sie selten nur die Diagnose. Sie meinen die Menschen, die sie betrifft. Sie meinen die Eltern, die Hilfe suchen. Sie meinen die Kinder, die auffallen. Sie meinen die Erwachsenen, die Jahrzehnte später erkennen, dass ihr „Chaos“ ein anderes Nervensystem war.

Das Wort „Mode“ trägt Skepsis und Abwehr in sich. Es signalisiert: Das ist übertrieben, vergänglich, gesellschaftlich bedingt. Und es erlaubt jenen, die diese Worte verwenden, sich selbst als Maßstab zu positionieren – als vernünftig, ausgewogen, normal.

„Lange im Verruf, eine Modekrankheit zu sein“, schrieb eine große Klinikgruppe später in einem Patientenratgeber. Diese Formulierung klingt neutral, ist es aber nicht. Das Wort „Verruf“ markiert sozialen Ausschluss. Wer so beschrieben wird, steht unter Verdacht, etwas Unlauteres, Modisches oder Irrationales zu vertreten.

Auch der Begriff „Zappelphilipp“, aus dem gleichnamigen Struwwelpeter-Gedicht entnommen, hat sich in den Diskurs eingebrannt. Er macht das Verhalten kleiner Kinder zu einer Karikatur, zu einem Erziehungsproblem, zu einer Erzählung über Ungehorsam – nicht über Neurobiologie. Diese kulturelle Bildsprache wirkte über Jahrzehnte nach: Ein Kind, das nicht stillsitzen kann, wurde nicht als anders wahrnehmend, sondern als ungezogen gelesen.

Sprache als Machtinstrument

Sprache schafft Realität. Wer die Worte besitzt, kontrolliert die Deutung. Das galt schon in früheren Epochen: Frauen, denen man Bildung verweigerte, wurden „hysterisch“ genannt; Schwarze Menschen, die sich widersetzten, galten als „unzivilisiert“; Arbeiter, die streikten, als „aufrührerisch“ oder „krank am Sozialismus“. In jedem dieser Fälle war Sprache ein Werkzeug sozialer Kontrolle – ein Mittel, um abweichendes Verhalten zu pathologisieren oder zu delegitimieren.

Dasselbe Muster wiederholt sich heute im Diskurs über Neurodivergenz. Indem man ADHS, Autismus oder andere neurologische Varianten als „Mode“ bezeichnet, wird den Betroffenen das Recht genommen, über sich selbst zu sprechen. Sie verlieren das definitorische Eigentum an ihrer Erfahrung. Ihre Sprache wird durch eine gesellschaftliche Übersetzung ersetzt, die ihnen die Autorität entzieht.

„Modekrankheit“ ist in diesem Sinne keine Diagnose – sie ist eine Diskurswaffe. Sie verschiebt die Macht, weg von jenen, die betroffen sind, hin zu jenen, die urteilen. Das ist kein Zufall, sondern ein kulturelles Muster. Denn wer Kontrolle über Sprache hat, kontrolliert Wirklichkeit.

Das politische Muster dahinter

In Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheit greifen Kulturen oft zu denselben rhetorischen Werkzeugen: Vereinfachung, Abwertung, Rückgriff auf vermeintliche Normalität. Populismus lebt davon. Er funktioniert, indem er komplexe Systeme emotionalisiert und Verantwortlichkeiten verschiebt: vom System auf das Individuum. Das passiert auch im Diskurs über Neurodivergenz.

Anstatt zu fragen, warum Bildung, Arbeit und Gesellschaft so normiert sind, dass sie Millionen Menschen überfordern, wird das Problem individualisiert: „Die Menschen sind eben empfindlicher geworden.“ „Jeder will heute eine Diagnose.“ „Früher gab’s sowas nicht.“

Diese Sätze sind nicht nur Unwissen, sie sind politisch wirksam. Sie lenken ab von strukturellen Fragen – und machen aus gesellschaftlichem Versagen individuelle Pathologie. Genau darin liegt die Parallele zu populistischen Mustern: die Reduktion des Komplexen auf das Bequeme, des Realen auf das Deutbare.

Was das über unsere Zeit sagt

Dass diese alten Begriffe – „Zappelphilipp“, „Modekrankheit“, „Trenddiagnose“ – jetzt wiederkehren, sagt viel über unsere Gegenwart. Wir leben in einer Phase kollektiver Überforderung: permanente Reizflut, Informationsdruck, psychische Erschöpfung, soziale Polarisierung. Und genau in dieser Zeit wird die Sprache wieder enger. Sie wird genormter, abwehrender, unruhiger.

Das Wiederauftauchen solcher Begriffe ist ein Symptom. Es zeigt, dass eine Gesellschaft an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit gerät. Sie spürt, dass ihre alten Kategorien nicht mehr genügen, um die Realität zu erklären – und reagiert mit Spott, Zweifel, Distanz. Statt Sprache zu erweitern, um Vielfalt zu beschreiben, verengt sie sich auf das Vertraute.

Eine Frage der Verantwortung

Neurodivergenz ist keine Mode, sondern eine Realität, die in allen Zeiten existierte – nur sprachlos blieb. Heute, da sie endlich Sprache findet, reagieren viele Systeme mit denselben Reflexen, mit denen Macht sich immer verteidigt: Entwertung, Lächerlichmachung, Pathologisierung.

Aber Sprache ist auch ein Gegenmittel. Wenn wir beginnen, präziser zu sprechen, öffnen wir Räume für Verstehen. Wenn wir anerkennen, dass Begriffe nicht neutral sind, sondern soziale Macht repräsentieren, können wir entscheiden, wie wir sie verwenden wollen.

Denn Sprache kann verletzen, aber sie kann auch befreien. Sie kann Realität verkleinern – oder erweitern. Und vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir heute stehen: zwischen Abwehr und Erweiterung.

Fazit

Dreißig Jahre Modenarrativ sind dreißig Jahre kollektive Sprachvermeidung. Wir haben über Symptome gesprochen, über Medikamente, über Schulnoten – aber kaum über Macht, über Verantwortung, über Würde.

Sprache, die Vielfalt kleinredet, ist nie neutral. Sie ist Teil eines größeren Musters: dem Versuch, Abweichung zu zähmen, statt sie zu verstehen. Doch in einer Welt, die lauter, schneller und instabiler wird, sind es gerade die neurodivergenten Wahrnehmungen, die uns zeigen, wo Systeme kippen, wo Strukturen überhitzen, wo Menschlichkeit verloren geht.

Das Wiederkehren der alten Begriffe ist also kein Zufall. Es ist ein Zeichen. Ein Hinweis darauf, dass wir an der Schwelle einer kulturellen Reifung stehen – oder an der Grenze unserer Empathie.

Wir entscheiden, was bleibt: die Sprache der Entwertung oder die Sprache des Verstehens.

Denn das eigentliche Thema ist nicht, dass Neurodivergenz zur Mode wurde. Das eigentliche Thema ist, dass wir immer noch Mühe haben, Verschiedenheit als Wahrheit zu ertragen.

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